Hopital L’Espoir ist der treffende Name unseres Krankenhauses. Heute operieren wir einen Jungen, dessen Oberschenkel durch die Wand seines Kinderzimmers zertrümmert wurde. Seit dem Erdbeben hat er Schmerzen von seinem gebrochenen Oberschenkel.
Über 30 % aller Gebäude in Porte au Prince der Millionenhauptstadt von Haiti und damit auch viele bis zum Erdbeben mehr oder weniger funktionstüchtige Krankenhäuser sind zusammengestürzt. Bisher war L’Espoir ein Kinderkrankenhaus. Jetzt wurde es zur Versorgung der gesamten notleidenden Bevölkerung geöffnet. Es platzt sozusagen aus den Nähten. Der Krankenhaushof ist dicht an dicht mit Zelten vollgestellt, die als Stationszimmer dienen. Patienten mit Fixateur externes an Beinen und Armen liegen auf einfachen Feldbetten und werden von ihren Angehörigen mitbetreut. Nach der ersten absoluten Notfall- Phase ist jetzt schon fast eine gewisse Konsolidierung eingetreten. Es wurden Verlängerungsschnüre gelegt, manche Zelte haben schon Licht (falls Strom vorhanden ist) und in einem steht sogar schon ein Fernseher. Apropos die Nachrichten kann man hier nur über Fernsehen oder Radio bekommen, Zeitungen gibt es nicht mehr, da das Pressehaus zusammengestürzt ist und z.Z. keine Zeitungen gedruckt werden können. Auch sind viele Journalisten umgekommen.
Dieses Land ist vom Erdbeben im Zentrum seines ohnehin schwächlichen Gemeinwesens getroffen worden. Von allen Regierungsgebäuden ist nur ein einziges stehen geblieben. Das Erdbeben traf mitten in die nachmittägliche Geschäftszeit, so dass viele Beamte und Regierungsmitarbeiter starben. Es gibt z.B. kein Finanzministerium, kein Außenministerium, keine Katasteramt und keine Rentenversicherung mehr. Die Zerstörung im Zentrum der Altstadt von Port Au Prince hat ein schreckliches Ausmaß. Und niemand weiß wie diese Zerstörung je beseitigt werden wird. Die schweren Räummaschinen, die notwendig wären gibt es nicht. Auf den Trümmerbergen sieht man hin und wieder Männer mit Hämmern und Handsägen schaffen. Aber da geht es eher um die Beschaffung von Alteisen als um ernsthafte Abrißversuche. Außerdem ist Port Au Prince eine Stadt, die in einem Gebiet mit vielen steilen Hängen gebaut ist. Teilzerstörte Häuser hängen da in bedrohlicher Schieflage über den zerstörten Nachbarhäusern. Niemand wird sich da heranwagen.
Im OP des „Espoir“ herrscht drangvolle Enge. Von OP-Saal kann man wohl eher nicht sprechen. Der Raum hat etwa 3 mal 4 Meter. Ein neuer OP war schon geplant und gebaut, liegt jetzt aber in dem Gebäudeteil mit unschönen Rissen und ist unbenutzbar. Manchmal funktioniert hier im alten OP eine Art Klimaanlage. Meistens muß man sich entscheiden zwischen Klimaanlage oder Licht. Keine OP-Lampe sondern eine Neonröhre, die etwas schief an der Decke baumelt. Ein Teil des Raumes wird ausgefüllt durch eine eindrucksvolle aber völlig funktionsuntüchtige Narkosemaschine historischen Baudatums . Narkosen werden ausschließlich mit Ketamin „gefahren“ oder möglichst vermieden, d.h. es wird eine Regionalanaesthesie durchgeführt als sogenannte spinale, axiale oder periphere Blöcke.
Der absolute „Renner“ bei den durchgeführten Operationen waren die externen Fixateure. Haiti ist vermutlich der Platz auf der Welt, an dem derzeit die grösste Fixateurdichte aller Zeiten herrscht. Das Liegt daran, dass diese Methode hier tatsächlich das Mittel der Wahl ist. Unzählige Menschen haben offene Brüche erlitten und eine ärztliche Behandlung konnte erst sehr verzögert erreicht werden. Es bestehen auch meist neben den Knochenbrüchen viele offene und infizierte Quetsch-Wunden, die eine Behandlung mit Gipsverbänden sehr ungünstig machen, weil die Wunde im Gips nur schlecht betreut werden kann. Die Anwendung eines Fixateurs bedeutet, dass der Bruch mit wenigen durch die geschlossene Haut eingebrachten Schrauben sicher fixiert werden kann und das äußere Gestänge die Stellung absichert. Die zweite Methode, die jetzt mehr und mehr notwendig wird ist die Übertragung von Haut auf die offenen Wunden. Dermatome sind Mangelware. Das sind rasierklingenähnliche Messer, mit denen hauchdünne Hautscheiben aus gesunden Bereichen abgetragen werden können, um sie auf die offenen Stellen zu verpflanzen, wo die Haut wieder anwachsen kann. Eine Methode die der deutsche Chirurg Erich Lexer schon 1911 erfunden hatte
Besonders tragisch sind für viele Erdbebenopfer, die überlebt haben zwei Arten von Dauerschäden. Das eine sind die vielen Amputation von Gliedmassen, die bei Verschütteten wegen der schweren Gewebsschäden nicht zu retten waren. Das andere sind die vielen unwiederbringlichen Schäden der peripheren Nerven, die durch den Druck bei den Eingeklemmten zu meist Lähmungen der betroffenen Extremität geführt haben.
Als Chirurgen von Humedica müssen wir in dem kleinen OP mit einfachsten Methoden zurechtkommen. Trotzdem müssen wir komplizierteste Verletzungen behandeln. Eine Gradwanderung. Gemeinsam mit der OP Schwester des „Espoir“ versuchen unsere mitgereisten Medizinstudentinnen Ordnung in die OP Instrumente und den Steri zu bekommen. Das ist nicht ganz einfach angesichts der räumlichen Beschränkung im OP. Lagervorbereitungssterilisationpackund aufenthaltsraum ist hier alles in einem Raum, der zwar ein bißchen grösser als der eigentliche OP aber auch nicht dem tatsächlichen Bedarf entspricht. Man kämpft sich durch.
Durchkämpfen muß man sich dabei auch durch Berge wohlgemeinter aber komplett unsinniger Instrumentenspenden vorwiegend aus Amerika. Über 100 kg „Alteisen“ haben wir aussortiert. Unbrauchbare Meissel und Hammer, feinste aber unbrauchbare Pinzetten für Hirnoperationen, unbrauchbare weil unvollständige Pump- oder Kathetersysteme usw. Oft finden sich aber auch sehr angenehme Überraschungen. Heute z.B. treffen wir auf eine nagelneue oszillierende Gipssäge, die wir schon den ganzen Tag sehnsüchtig gesucht haben.
Eine Röntgenabteilung ist vorhanden – 2 mal 2 Meter. Jedes Bild ist ein von Hand entwickeltes Kunstwerk des Radiologieassistenten. Dieses Kunstwerk ist dann aber auch alles auf was man sich stützen kann. Einen C-Bogen gibt es nicht. Alte Tugenden der Knochenbruchbehandlung werden heir wieder wach. Manchmal gibt es auch unangenehme Überraschungen, wenn das Ergebnis der Fixateurmontage am nächsten Tag erst beim Röntgen offenbar wird. Aber das lässt sich dann meist ohne Probleme in der notwendigen Weise korrigieren. Man darf gespannt sein, wie die Spätergebnisse aussehen werden. Für die Patienten kann man nur hoffen, dass alle Knochenbrüche schön zusammenheilen werden. Das wird aber noch Wochen und teilweise Monate in Anspruch nehmen.
Nur selten kommen jetzt noch primär unversorgte Frakturen und Verletzungen des Erdbebens in die Klinik. 3 Wochen ist die Katastrophe jetzt her. Allerdings gibt es vereinzelt auch in der Großstadt Porte au Prince noch Patienten, die erst jetzt ärztliche Behandlung in Anspruch nehmen. Heute z.B. ein Mann kam mit einer inzwischen drei Wochen veralteten Sprunggelenksluxationsfraktur. Auch er bekommt einen Fixateur externe. Hoffentlich lässt sich die Fehlstellung ohne Durchleutungsmöglichkeit beseitigen.
Das grösste chirurgische Problem sind jetzt aber die unzähligen sekundär heilenden Weichteildefekte. Die Menschen wurden über Stunden und Tage zwischen Mauerbrocken und Betonwänden eingeklemmt, bis sie das Glück hatten gerettet zu werden. Bis dahin hatten sich an den zusammengequetschten Gliedmassen und Körperstellen abgestorbene Bereiche gebildet, die unrettbar verloren waren. Wenn solche ganze Extremitäten erfasst waren, musste in den ersten Tagen amputiert werden, weil es sonst zu lebensgefährlichen Selbstvergiftungen gekommen wäre. Viele Menschen haben so zwar überlebt, sind aber zu Invaliden geworden, für die in Haiti in den nächsten Jahren riesige Unterstützungsprogramme entwickelt werden müssen. Das gleiche gilt für die vielen Druckschäden an den peripheren Nerven, die bei den Überlebenden der Katastrophe eingetreten sind und zu unwiederbringlichen Lähmungserscheinungen geführt haben. Oft werden sich die Patienten erst im Laufe der ersten Woche klar über diesen schweren Schaden, der bei Ihnen eingetreten ist und schwerste Beeinträchtigungen in der Zukunft bedeutet.
Haiti ist Zum Zentrum weltweiter Hilfsaktionen und gutmeinender Helfer geworden. Auch unser Espoir Krankenhaus bekommt davon etwas mit. Täglich schneien hilfswillige Gruppen aus aller Welt herein. Allgemeinärzte aus Pakistan, japanische Offiziere, Kanadische Katastrophenhelfer und deutsche Ärzterentner aus Celle und Neuss z.B.. Jeder Morgen bietet da Überraschungen, wer plötzlich zur Morgenbesprechung auftaucht oder mit welchen Leuten die rührige Mme. Gladis, die Leiterin des Krankenhauses, plötzlich auftaucht. Manchmal sind es zu viele, manchmal ist man froh. Heute haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und haben ein ganzes Helferteam von CRI zu Physiotherapeuten gemacht. Sie sind hochengagiert und laufen jeweils zu zweit mit unseren „Fixateuren“ durch den Krankenhaushof.
Gemeinsam mit Schwester, Medizinstudenten und Übersetzern im „Espoir“ Visite zu machen ist die grösste Belohnung, die man sich vorstellen kann. Der kleine Junge lächelt zufrieden weil er keine Schmerzen mehr im Oberschenkel hat und seine Mutter überschüttet uns auf kreolisch mit Dank. Diese Sprache ist auch mit Französisch absolut nicht zu verstehen, aber wir wissen was gemeint ist.
Die Folgen des Erdbebens werden noch über Jahre in den Krankenhäusern Haitis behandelt werden müssen. Trotzdem trägt das „Espoir“ seinen Namen zu recht und Humedica, die Hilfsorganisation aus dem Allgäu, trägt seinen Teil dazu bei. Spenden für Humedica sind die Grundlagen für die Arbeit.
Prof. Dr. Richter-Turtur, das Isar Medizin Zentrum und die Hilfsorganisation Humedica International bitten um Unterstützung für den Hilfseinsatz in Haiti – jede Spende hilft:
Spendenkonto:
Humedica-International
Stichwort „Humedica chirurgisches Team“
Konto Nr 4747
BLZ 73450000 Sparkasse Kaufbeuren.
Für weitere Informationen zu Humedica: www.humedica.org